30. März 2014

KAL #4 - waschen, legen, trocknen

Zweiter Zwischenstand: das Frühlingsjäckchen ist fast fertig, macht aber nochmal auf zickig spannend.

Die aktuelle Lage zu Beginn der Sommerzeit: 

Südlage, halbtrocken

Für völlig überflüssigen Nervenkitzel im Endstadium sorgt wieder die Passform. Die Drops Baby Merino ist tückisch und wächst beim ersten Waschen enorm. Deshalb hab' ich diese Wolle ja auch recycelt - aus einem 2013er Projekt, das entgegen der damaligen Anleitung keine Jacke, sondern ein 3-Personenzelt ergab. Aufgrund artig gewaschener Maschenprobe und der Erfahrung des ersten, halbfertigen Anlaufs vom letzten Mal ist die aktuelle Version dennoch recht knapp gehalten. Ob sie am Ende quetscht, passt oder 'rumschlabbert weiß ich erst in ein paar Tagen ... Ich kann jeden Daumen brauchen, denn ein drittes Mal strick' ich das Ding (bis Ostern zumindest) nicht!

Dabei lief beim jetzigen 2. Anlauf alles glatt. Etwas tüftelig, aber passend und erfreulich unauffällig erwiesen sich die Brustabnäher.


Weil ich keinen waagrechten Musterversatz von Vorder- zu Rückteil wollte, ein ganzer Extra-Rapport aber zur Hängepartie geführt hätte, wurden mithilfe von Strickakrobatik ganze 6 statt 10-12 Reihen für die Brust dazugeschummelt. Das deckt normalerweise gerade mal den Bedarf eines B-Körbchens; ich setze auf das dehnbare Lochmuster; die Mehrgröße durchs Waschen macht dann den Rest (und bleibt hoffentlich auch an richtiger Stelle ...). Nur wenn man genau hinsieht, erkennt man 2 Wendemanöver (an den zusätzlichen "Spitzen" des Blatt-Musters), das 3. ist unsichtbar:


Das leidige Ärmel-Thema umgehe ich schon länger mit der Magic-Loop-Methode. Die Entdeckung des Rundstrickens ohne diese "Leitern", die sonst (bei mir) am Ende jeder Nadel beim Nadelspiel-Stricken entstehen, war für mich eine Offenbarung und motiviert beim Top-down-Stricken genauso wie beim von-unten-nach-oben-Prinzip. Wichtig ist eine ausreichend lange und flexible Rundstricknadel. Die Ärmel oben sind mit Ndl-Länge 100cm gestrickt, für Socken oder schmale Pulswärmer reichen auch 80cm.

Ermüdungserscheinungen gibt es durchaus, denn dieses Jäckchen innerhalb weniger Wochen fast zweimal zu machen war echtes Kampfstricken. Da bleiben lästige Kollateralschäden nicht aus. Durch die allabendlichen 3-4 Stunden mit Nadelstärke 2,5 hat sich eine Art Tetris-Effekt eingestellt: wenn ich die Augen schließe sehe ich immer noch die gebetsmühlenartige Maschen-Abfolge für den Musterrapport

Für willkommene Abwechslung von diesem Kopfkino sorgen da bestimmt die Jäckchen der KnitAlong-Gemeinde unter der Regie von Meike, die sogar schon plant, was  Ostern zum Jäckchen getragen wird - *hier geht's lang* zum Kucken.
Einen sonnigen Sonntag euch allen!




9. März 2014

KAL #3 - bedenkliche Intuition

Frühlingsjäckchen #3 - Stolz auf den Fortschritt, Schwierigkeiten und Lösungen. 

Sagen wir mal so: das mit dem Fortschritt ist die Schwierigkeit. Der Entschluss, das Jäckchen meiner Wahl nahtlos von oben nach unten zu stricken bedeutete nämlich, eine Anleitung umzumodeln auf Basis von (O-Ton der Designerin soobeeoz) "nicht in allen Größen getesteten Angaben".

Die größte Anleitung ohne Gewähr galt für 96cm Brustumfang - so flach kann ich gar nicht atmen.  Weitere Variablen: Nadelstärke 2 statt 3 und spezielle Vorstellungen, wie und wo das Muster zu verlaufen hat, damit es von den geplanten zusätzlichen Brustabnähern nicht zerstückelt wird. Keine XL-Werke anderer Ravelristas als Orientierungshilfe. Und auf welche Art fang' ich eigentlich oben an?

Bei so vielen Unbekannten schien Rechnen zwecklos; blieb also nur der Griff zur Alternativ-Methode: die Mädchenphysik. Quasi ein hochspekulativer Zweig der von Frau Nahtzugabe beschriebenen Schlampenmethode. Charakteristisch für diese Vorgehensweise ist der fehlende Plan das Arbeiten nach Gefühl. Loriot-Fans wissen, was ich meine.

Alle anderen können hier kucken: Loriot - Das Ei
 
Meine Intuition machte bisher folgendes möglich: Gefühlte Maschenmenge anschlagen (grüne Linie) - meine Schulterpartie soll schmaler werden als beim Original.



Dann mit verkürzten Reihen bis zur blauen Linie stricken. Dasselbe auf einer 2. Nadel für die andere Schulter spiegelverkehrt wiederholen. Aus dem ursprünglichen Maschenanschlag (grün) die Maschen aufnehmen und mit kurzen Reihen bis zur roten Linie stricken; auf der anderen Schulter ebenfalls. Dann die Maschen beider Schultern auf der blauen Linie in der nächsten Reihe verbinden, dabei die mutmaßlich benötigten Maschen für den hinteren Halsausschnitt anschlagen, und an der Schulterlinie (pink) ein paar Maschen für die Ärmel herausstricken. Fertig und alles an einem Stück:

Übers Knie gelegt

Die andere Schulterseite sieht natürlich genauso aus, ich krieg nur meine Knie nicht in einen 180°-Winkel zueinander ... auch Mädchenphysik hat ihre Grenzen.
Immer schön weitergemacht, frei Schnauze zugenommen, irgenwann erst die Maschen an den Ärmeln, dann auf Brustlinie abgehäkelt, um endlich mal eine Anprobe vorzunehmen. Alles passt - bis auf ein kleines Detail:

Die rote Linie zeigt genau das an, was ihr denkt.

Tja ... soviel zum Thema Bedenken. Das erste Zwischenergebnis meiner risikobehafteten Arbeitsweise ist - zumindest teilweise - ein klarer Fall von Fehlspekulation. Loriot würde dazu sagen: "Dann stimmt eben was mit deinem Gefühl nicht."
No risk - no fun; wie gut, dass ich wirklich gerne stricke. Immerhin habe ich jetzt so etwas wie handfeste Vergleichswerte, mit denen sich ein Neustart zurechtschlampen  berechnen lässt.  Der muss allerdings bis morgen warten - heute ist Stoffmarkt in Alsterdorf.

Die anderen Frühlingsjäckchen treffen sich *hier* bei Meike, da kuck ich heute abend auch noch vorbei!

5. März 2014

MMM - Alltagstest

Gestern fiel mir auf, dass Weihnachtsrock #1 den Kleiderschrank seit dem WKSA - Finale nur von innen kennt. Nur Zufall oder besser so ...?

Mein Kleiderschrank ist zwar begehbar, aber nicht allzu groß. Das liegt zum einen daran, dass der "Schrank" ursprünglich der Hauswirtschaftsraum war, zum anderen daran, dass ich ihn mit Monsieur und dessen ausgeprägter Schwäche für Replay-Hemden teile. Ich bin jetzt gar nicht auf prozentual ausgeglichene Raumansprüche aus (obwohl auf eins meiner Kleider wirklich unerhört viele Hemden kommen ...), sondern auf optimale Nutzung: Sachen, die nicht mehr gefallen bzw. passen, kommen unter die Nadel. Oder weg.
Also wurde Weihnachtsrock #1 (seinerzeit Retter in der Not, nachzulesen *hier*) angezogen und dank akzeptabler Witterung vor die Tür geschickt.


Als Steh-Rock ganz ok soweit. Mich stört mittlerweile allerdings doch einiges, angefangen mit der Länge bzw. Kürze. In Aktion sieht man das etwas besser:


Mal abgesehen von der ungebügelten Seitennaht: meine Beine brauchen einfach ein paar cm mehr Saum, damit die Proportionen wieder stimmen; so wie er ist werd ich damit nicht warm. Zum Glück ist auch noch was dran - was im Übrigen deutlich zu sehen ist. Obwohl ich den feinen Wollstoff innen quasi angehustet von Hand mit ganz feinen Stichen fixiert hatte ... Tja. Aschermittwochstimmung, aber vielleicht noch nicht ganz Sack und Asche. Einen Versuch ist es wert. 
Ich mag nämlich die  Kombi mit meinem Lieblingspulli, den ich vor 2 Jahren gestrickt habe:


Meine erste Begegnung mit Elphaba und Beginn einer großen Liebe zu maßgestrickten Brustabnähern - keiner meiner Pullover passt mir besser.
 

Und wie sieht es andernorts in selbstgefertigten Garderoben aus? Testläufe, Schrankfunde oder neu kombinierte alte Lieben finden sich wie immer *hier* auf dem MeMadeMittwoch, heute mit Julia.

3. März 2014

Alaaf im Frühtau

Fasching in Hamburg ist, wenn innerhalb kürzester Zeit ein komplettes Outfit für den Sohn genäht werden muss. Motto dieses Jahr: alles für den Wikinger.

Weil der 9jährige - was die Umsetzung anbelangt - ein mittlerweile recht anspruchsvoller Abnehmer ist, war eine rosarote Tunika à la Wickie einfach nicht mehr drin. Authentisch sollte es sein. Und: cool. (Mein Einwand, dass der Begriff "cool" damals wohl kaum existiert haben dürfte, verhallte ungehört.) Damit Mama nicht so viel falsch macht, wurde im Vorfeld vom Wikinger-in-spe höchstpersönlich umfangreiches Anschauungsmaterial gegoogelt und vorgelegt. Unter anderem *hier* und *hier* gibt es sehr interessante Seiten zum Thema Wikinger-, Fantasy- und Mittelalter-Bekleidung mitsamt Schnittmustern und Anleitungen. Weil aber kein Larp-Festival anstand, sondern Schul-Fasching mit ganztägigem Räuberfrühstück, wurde auf "Bordmittel" und selbstimprovisierte Schnitte zurückgegriffen.
Das Endergebnis erzielte dennoch volle Kundenzufriedenheit: 

heute nach Sonnenaufgang ...

Die Baumwoll-Tunika hat eine einfache Kastenform mit überschnittenen Schultern, gerade eingesetzten Ärmeln und Seitenschlitzen. Saumkante, Ärmelabschlüsse und Passe sind gemäß Kundenskizze in Schwarz abgesetzt und mit Ziernähten und Posamenten verziert.


Der Umhang durfte etwas aufwändiger ausfallen, damit für künftige Einsätze im Drachenlabyrinth oder für Theaterkurse nicht jedesmal erst wieder Stofflappen gesucht werden müssen. Die typischen Rechteck-Umhänge engen an den Schultern ein und verrutschen ständig - nix für zornige Odins. Material für ein kreisrundes Exemplar gab der Bestand nicht mehr her. Im Lager fanden sich noch 2 Meter in höchst authentischem Staub-Rotbraun - genug für ein Halbrund-Cape mit reichlich Schwung.

nein, das ist kein Stinkefinger: echte Verletzung mit anachronistischem Verband

Der 1,5m breite Stoff besteht aus 2 Schichten, die locker miteinander versteppt sind und dadurch der Oberfläche eine ausgeprägte, senkrecht verlaufende Struktur geben. Ein halbkreisförmiger Zuschnitt hätte bedeutet, dass die Struktur vorne senkrecht, im Rücken aber waagrecht verläuft. Doof. Verschollen geglaubter Lehrstoff aus Klasse 5-7 (U = 2∏r) wurde ins Hier und Jetzt bemüht und führte zum Halbrad-Umhang mit 7-Bahnen-Lösung (4 Bahnen bei voller Stoffbreite und halber Länge + 3 weitere Bahnen aus der zweiten Hälfte).

gelbe Linien: Schnittkanten; blaue Linien: nachträgliche Saum-Abrundung

Die 8. Bahn opferte sich für die große Kapuze:


Sämtliche Nähte wurden mit Schrägband eingefasst; das ist mit ca. 11 Metern zwar enorm materialintensiv, sieht aber richtig gut aus. Bei so vielen Stoffbahnen kommt einiges an Gewicht zusammen ... ganz hilfreich, dass der Umhang aus einer völlig un-authentischen Polyester/BW-Mischung ist.

Krönender Abschluss: der Wikinger-Helm! Der auf gar keinen Fall Hörner haben darf, sowas tragen schließlich nur Kleinkinder und Wagner-Mimen ... der 9jährige weiß Bescheid.

 
Vor einigen Jahren hatte ich einen 1. Entwurf aus Fotokarton gebastelt, heute ist er aus robusten Wollfilz und gesammelten Rundkopfklammern - schnell hergestellt und ziemlich haltbar. 
Ich werd' bei nächster Gelegenheit ein Tutorial erstellen und damit meine Rubrik "Nähen für Jungs" beleben, versprochen.
 
Bis dahin: Helau und skål!